Allgemein Kolumne

{Kolumne} Steckt mich nicht in eine Schublade!

Ich bin auf dem Weg zu meiner Oma, die im Krankenhaus liegt. Als ich aus dem Aufzug steige, eilt bereits eine Krankenschwester auf mich zu und begrüßt mich freudenstrahlend. Sie hätte schon auf mich gewartet, meint sie und ist im Begriff mich in meinem Rollstuhl einfach ungefragt weiterzuschieben. Meinen verwirrten Blick schien sie gar nicht zu bemerken. Erst als sie sagte, dass sie mir bereits ein schönes Zimmer ausgesucht hat, wird mir einiges klar. Sie denkt, ich bin eine neue Patientin! Dabei schleppe ich weder eine Tasche mir herum, in der man Kleidung hätte vermuten können, noch bin ich für einen stationären Krankenaufenthalt gekleidet. Es war lediglich mein Rollstuhl, der mir mal wieder sofort einen Stempel mit der Aufschrift „Krank“ aufdrückt hatte.

Ich als erwachsene Frau
werde nicht ernst genommen

Solche Situationen passieren mir öfters. Erzähle ich im Nachhinein anderen davon, kann ich herzhaft darüber lachen. Geschieht es aber gerade in diesem Moment, wird mir ganz anders zumute. Ich bekomme regelrecht Schnappatmung. Nachvollziehen kann man das vielleicht besser, wenn man sich versucht in meine Lage zu versetzen, während ich erzähle, was mir vor zwei, drei Jahren am Bahnhof passiert ist: Gemeinsam mit meiner Mama wollte ich damals eine gute Freundin zu ihrem Zug bringen. Sie verreiste für mehrere Monate und hatte dementsprechend viel Gepäck dabei. Der Zug kam und ich wartete am Bahnsteig bis meine Mama ihr geholfen hatte, all ihre Taschen und Koffer zu verstauen. Wie aus dem Nichts kam plötzlich ein Schaffner und machte mir ohne Vorwarnung die Bremsen meines Rollstuhls los. Ich sei hier falsch, sagte er. Rollstuhlfahrer würden über die hintere Tür einsteigen, sprach er weiter. Obwohl ich protestierte und klarstellen wollte, dass ich bloß eine Freundin hierher gebracht hatte, schob er mich davon. Er nahm mich überhaupt nicht ernst und versuchte mich mit den Worten, dass er mich ja nur in den Zug zu meiner Freundin bringen würde, zu beruhigen. Panik stieg in mir auf. Verzweiflung und Hilflosigkeit machten sich in mir breit. Ich, eine erwachsene Frau, werde nicht ernst genommen – Und das nur aufgrund meines Rollstuhls! Hätte meine Mama die Situation nicht gerade noch rechtzeitig bemerkt, hätte ich wohl oder übel mit meiner Freundin verreisen müssen.

Wer hat die Schuld daran?

Mittlerweile frage ich mich, warum das so ist? Warum hat man Berührungsängste gegenüber Rollstuhlfahrern, bewahrt aber nicht die angemessene Distanz, wie zu jedem „normalen“ Menschen auch? Was erlaubt es fremden Leuten mich zu dutzen? Wieso versucht man mit meiner Begleitung, anstatt mit mir selbst über meine Anliegen zu reden? Liegt es tatsächlich bloß an dem Rollstuhl, der den Menschen vermittelt, dass ich Hilfe benötige und zu keinerlei Kommunikation in Stande bin oder doch eher an meinem Gegenüber, der einfach zu bequem ist, um anders zu denken? Jeder würde es sofort abstreiten, aber wenn wir ehrlich sind, hat sie jeder: Die Vorurteile gegenüber anderen Menschen, die uns zwingt in Schubladen zu denken. Oft merkt man selbst gar nicht, wie schnell sich aus einer Meinung heraus ein Urteil gebildet hat. Viel zu schnell landet ein Mensch genau wegen diesem Urteil in einer Schublade. Es wird nicht einmal mehr darüber nachgedacht, ob dieser eine Mensch vielleicht anders sein könnte, denn eins ist Fakt: In Schubladen zu denken vereinfacht das allgemeine Denken ungemein.

Ist es Unwissenheit oder
doch eher Bequemlichkeit und Ignoranz?

Mir erschwert ein solches Denken aber den Alltag. So etwas banales wie beispielsweise das Einkaufen von Lebensmitteln oder ein ganz einfacher Stadtbummel kostet mich manchmal richtige Überwindung. Die Leute bemerken mich und ich sehe ihnen förmlich an, wie sie mich aufgrund meines Rollstuhls in eine Schublade mit der Aufschrift „Nicht kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig“ stecken. Sicherlich ist das oft keine böse Absicht. Vielleicht beruht es sogar auf einer früheren Begegnung und man versucht jetzt alles besser zu machen. Man möchte die Rollstuhlfahrerin auf gar keinen Fall vor der versammelten Kundschaft vorführen und bloß stellen. Leider gibt es aber auch solche Leute, die sich hinter dieser Unwissenheit versuchen zu verstecken. Die zwar ganz genau merken, dass ich mich sehr wohl verständigen und man mit mir ganz normal reden kann, aber der Situation versuchen gekonnt aus dem Weg zu gehen. Einfach weil es bequemer ist. Meine Aussprache wird durch die Spastik gerade in solchen Moment in Mitleidenschaft gezogen. Um mich dann zu verstehen, muss man mir zuhören wollen und sich eben mal ein bisschen konzentrieren. Das ist für manche Menschen aber schon zu anstrengend. Außerdem brauche ich für alles etwas mehr Zeit. Also übergeht man mich einfach. Man ignoriert mich und wählt den leichterenn Weg, in dem man so tut, als hätte man mich nicht bemerkt.

Und wie würdest DU in so einer Situation reagieren?

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  1. Mo sagt:

    Liebe Saskia,

    beim Lesen hatte ich direkt eine Gänsehaut. Ich finde es sehr, sehr schade, dass dich die Menschen nicht ernst nehmen. Ich denke, dass diese Menschen einfach keine Erfahrungen mit Menschen sammeln konnten, die „anders“ sind. In meinem Umfeld habe ich auch schon oft erleben müssen, wie Angehörige, die aus unterschiedlichsten Gründen ein Handicap hatten, nicht mehr für voll genommen worden sind. Früher habe ich mich immer schrecklich aufgeregt, heute versuche ich mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Den meisten ist ihr Verhalten gar nicht so bewusst, sie haben einfach Angst etwas falsch zu machen.

    Ich wünsche dir starke Nerven und mehr Kontakte, die dich nicht mit ihrem Verhalten entmündigen, nur weil du im Rollstuhl sitzt.

    Liebe Grüße,
    Mo

  2. Die Situation im Krankenhaus kann ich noch nachvollziehen, wir schauen immer durch unsere Erwartungsbrille. Das hat sicherlich nichts mit mangelnder Wertschätzung oder nicht ernst nehmen zu tun. Anderen seine Hilfe ungefragt aufzudrängen ist ein anderes Kaliber. Es ist wie in der Werbung, in der ein junger Mann einer älteren Dame ungefragt über die Straße hilft, die gar nicht über diese Straße will. Ich kann Deine Gefühle sehr gut nachvollziehen. Es ist wie wenn man ungefragt jemandem einen Ratschlag gibt, das wird auch wie ein Schlag aufgenommen. Ein gesellschaftliches „Gutmenschen-Phänomen“ andere zu entmündigen und Hilfe aufzudrängen, die nicht erfragt oder gewollt ist.
    Alles Liebe
    Annette

  3. Steffi sagt:

    Huhu,

    ein Beiträg der unter die Haut geht und direkt Mitleid in mir erweckt, obwohl du das wahrscheinlich am wenigstens möchtest. Leider können Menschen nicht mal die „gesunden“ ernst nehmen, wie dann wirklich „kranke“? Heutzutage ist die Gesellschaft sowieso total auf sich selbst bezogen.

    Lg
    Steffi

  4. Janina sagt:

    Guten Abend, das ist ja wirklich schrecklich was dir unter anderem so passiert ist. Klar, der Schaffner wollte nur helfen, aber als du im klar machtest was Sache ist hätte er dir einfach genau zuhören sollen, sich entschuldigen und gut wäre es gewesen. Schlimm dass du nicht ernst genommen wirst. Unter uns wohnt eine ältere Dame deren Aussprache auch kaum verständlich ist, sie ist seit ihrer Jugend Spastikerin. Wenn ich mal wieder bei ihr bin um zu helfen gebe ich mir immer extra Mühe um sie zu verstehen und dass ich ihr eben nicht Zuviel helfe sondern nur was sie sich an Hilfe wünscht. Ganz liebe Grüsse, Janina

    1. Isa sagt:

      Wow ich habe Gänsehaut! Vielen Dank für den ganz privaten Einblick. Sehr sehr schade, dass du als Erwachsene Person nicht ernst genommen wirst. Ich wünsche dir viel Kraft solche Situationen zu meistern und hoffe auf ein Umdenken und auf bewussteres Handeln.

      Ganz liebe Grüße
      Isa

  5. Liebe Saskia,
    ich finde es einfach respektlos Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung – jetzt mal bewusst so allgemein gesagt – in Schubladen zu stecken oder gar sie nicht ernst zu nehmen und wie erwachsene Menschen zu behandeln.
    Zugegeben, die Krankenschwester meinte es wahrscheinlich nur nett, aber ich stelle mir dabei die Frage: seit wann werden Patienten am Eingang abgeholt? Wäre sprechen nicht erstmal der korrekte Weg gewesen? Abgesehen davon, auch mit einem neuen Patienten rede ich erst, bevor ihn irgendetwas mit ihm mache.

    Vielleicht ist es manchmal sinnvoll sich nicht nur auf die Augen als Sinnesorgane zu verlassen. Das hilft oft bei der wirklichen Wahrnehmung.

    Liebe Grüße, Katja

  6. Yva sagt:

    Ich verstehe völlig, wie sich das für mich anfühlt, auch wenn ich vielleicht nicht gleich in eine Schublade, wie krank, getan werde. Lande ich oft in der Schublade *dumm*. Das hat was damit zu tun, dass ich die Welt anders wahrnehme durch die Synästhesie. Dadurch denke ich anders. Mehrmals um die Ecke oder mal im Detail oder im Ganzen. Auf Arbeit nimmt mir das viel kraft, wenn ich die Blicke spüre, nach einer Frage, bei der den anderen die Antwort klar ist.
    Ich spüre in deinem Text deine innere Stärke und hoffe, dass die Menschen lernen können wirklich echt mit einander umzugehen.
    Eine Frage hätte ich, fändest du es schlimm, wenn jemand der sich unsicher ist fragt, wie er dir helfen kann? Ich selbst versuche Menschen erst einmal neutral zu betrachten, egal wie sie auf mich wirken.
    Ich finde nämlich egal ob im Rollstuhl oder nicht, kann man erkennen, ob jemand wirklich Hilfe braucht, Aber um dass zu sehen braucht es Übung, weil wir viel zu abgestumpft sind.
    Ich mag deinen Blog.

  7. Mein Liebe, da hast du es oft nicht leicht. Du meisterst solche Situationen toll. Leider haben die Menschen meist Angst oder sind unsicher, da sie nicht in regelmäßigen sozialen Kontakt mit anderen Menschen, wie dir, stehen. Schade. Liebe Grüße, Claudia

  8. Busymamawio sagt:

    Liebe Saskia,
    Das ist ein sehr schwieriges Thema und ich finde es toll, dass du so offen darüber sprichst. Ich selbst bin mit einem Mädchen aufgewachsen, das spina bifida hatte. Es war die Schwester meiner damals besten Freundin. Vielleicht kann ich so einfach offener damit umgehen und einfach plaudern, wie mit jedem auch.
    Viele Grüße
    Wioleta

  9. Hallo Saskia,
    Ich will das Verhalten des z. B. Schaffner gar nicht entschuldigen wollen: Natürlich hat er überaktiv und bevormundend reagiert,keine Frage. Trotzdem bin ich absolut sicher, dass er es im Grunde gut gemeint hat. Viele sind im Umgang mit Menschen mit Handicap einfach so unsicher, weil sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen.
    Verspielte Grüßle,
    Simone

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